Martin Leuthold: „Inspiration“, Laufzeit bis Anfang 2027.
Die Ausstellung „Inspiration“ richtet den Blick auf die Stickereiproduktion in Vorarlberg, insbesondere Lustenau, und deren komplexe Verflechtungen mit internationalen Märkten, vor allem mit Nigeria. Im Zentrum steht die Frage, wie sich lokale Textiltraditionen mit globalen Wirtschaftssystemen verbinden und dabei zugleich kulturelle Identität, gesellschaftliche Dynamiken und ästhetische Ausdrucksformen bilden. Der Schweizer Designer Martin Leuthold hat diese Zusammenhänge aufgegriffen und in vielschichtigen Arbeiten sichtbar gemacht, die den Austausch zwischen Handwerk, Industrie und internationalem Handel reflektieren.

Kontext: Vorarlberg, Stickerei und globale Märkte
Lustenau im österreichischen Vorarlberg gilt seit dem 19. Jahrhundert als ein Zentrum der Stickereiindustrie. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine enge wirtschaftliche Beziehung zwischen Lustenau und Nigeria. Vor allem seit den 1970er-Jahren wurden hochwertige Stickereien aus Vorarlberg nach Westafrika exportiert, wo sie im Rahmen gesellschaftlicher Repräsentation, Festkultur und Mode eine zentrale Rolle spielten. Neben Lustenau waren auch andere Orte in Vorarlberg – etwa Dornbirn, Hohenems, Götzis, Altach etc. – an dieser Produktion beteiligt und trugen maßgeblich zum Aufbau und zur Stabilität dieses Exportmarktes bei.
Dieses Netzwerk macht deutlich, dass Textildesign weit über das Ästhetische hinausgeht. Es ist eingebettet in globale Wirtschaftssysteme, transkulturelle Austauschprozesse und Fragen nach kultureller Identität. In diesem Spannungsfeld positioniert sich Martin Leutholds Werk, das spezifische Elemente, Themen und Besonderheiten dieser Verflechtungen aufgreift und künstlerisch transformiert.

Martin Leuthold: Gestalter und Forscher
Martin Leuthold (*1953) war über viele Jahre Kreativdirektor von Jakob Schlaepfer, einer international renommierten Textilfirma mit Schwerpunkt auf Stickereiproduktion mit Sitz in St.Gallen. Unter seiner Leitung erhielt das Unternehmen zahlreiche Auszeichnungen, und seine Entwürfe fanden Eingang in die Haute Couture-Häuser von Paris bis New York. Leuthold verknüpft in seiner Arbeit Handwerkstradition mit internationaler Designpraxis. Sein Ansatz ist forschend, analytisch und zugleich von poetischer Bildkraft getragen.
Die Auseinandersetzung mit Stickereien aus Lustenau eröffnet Leuthold die Möglichkeit, historische und zeitgenössische Aspekte des Textildesigns miteinander zu verbinden. Dabei untersucht er nicht nur die ästhetischen Dimensionen, sondern auch die gesellschaftlichen Bedeutungen von Stoffen: als Träger von Erinnerung, als Handelsgut und als Medium kultureller Selbstverortung.

Zur Ausstellung
Zentrales Element der Ausstellung sind von Martin Leuthold bearbeitete Stickereien aus Lustenau. Für „Inspiration“ wurden sie überdruckt, verfremdet und weiterentwickelt. In großformatigen Arbeiten entfalten sie eine vielschichtige Bildsprache, die Material, Farbe und Struktur neu interpretiert.
Die Designs verlassen die reine Fläche und treten in den Raum: Sie wandern über den Boden, überziehen Fensterflächen, steigen Wände empor und verwandeln den Ausstellungsraum in eine durchwirkten Textilkomposition. Damit rückt Leuthold die Stickerei nicht nur als textile Oberfläche, sondern als Raumerfahrung ins Zentrum.
Ein besonderes Objekt der Schau ist ein mittig platzierter Kubus, der vollständig mit Lochkarten aus der Stickereiproduktion verhüllt ist. Aus seinem Inneren heraus beginnt er zu leuchten – ein poetisches Sinnbild für codiertes Wissen, Erinnerung und digitale Transformation im Textildesign. Die Lochkarte, ursprünglich ein Steuerungsinstrument für Stickmaschinen, wird hier zum künstlerischen Symbol einer Wissensspeicherung, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.

Ein Spannungsfeld für das Thema Stickerei
Die Ausstellung bewegt sich bewusst in einem Spannungsfeld aus Schönheit, Überfluss und Unbehagen. Farben, Muster und textile Oberflächen ziehen an, überwältigen, verführen – und verweisen zugleich auf globale Systeme von Produktion, Zirkulation und Wertschöpfung. Textilien erscheinen hier nicht als neutrale Materialien, sondern als Träger von Geschichte: von kolonialen Handelsrouten und industrieller Ausbeutung ebenso wie von Selbstbehauptung, Transformation und ästhetischer Praxis. Die anonymisierten Figuren verzichten auf individuelle Identität; sie fungieren als Projektionsflächen für kollektive Bilder von Mode, Körper und Macht.
Unterschiedliche Motive, etwa zu Reichtum und Macht, verdichten diese Fragen. Geld erscheint beispielsweise nicht als abstraktes Zahlungsmittel, sondern als sichtbares Zeichen globaler Abhängigkeiten. In der Gegenüberstellung von textilem Reichtum und ökonomischer Symbolik wird deutlich: Wert ist kein natürlicher Zustand, sondern das Ergebnis historischer, politischer, wirtschaftlicher und persönlicher Zuschreibungen.
Die Ausstellung verweigert eindeutige Antworten. Stattdessen fordert sie dazu auf, eigene Blickgewohnheiten zu hinterfragen – und die scheinbare Unschuld von Ästhetik im Kontext globaler Verflechtungen neu zu betrachten.
Geöffnet von Donnerstag bis Sonntag, 14 – 18 Uhr
Führungen auf Anfrage unter info@s‑mak.at
Laufzeit bis Anfang 2027



