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far away land

Ausstellungsbeitrag der Residency-Stipendiatinnen Margarita Rozhkova und Anne Zühlke im DOCK 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein.

Die Textilkünstlerin Margarita Rozhkova und die Kulturwissenschaftlerin Anne Zühlke wurden für das dies­jährige von den Lustenauer Institutionen S‑MAK, Druckwerk und DOCK 20 ausgeschriebene Arbeitsstipendium ausgewählt. Sechs Wochen lang beschäftigten sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der lokalen Textil- und Stickerei-Geschichte, durchforsteten die Archive und führten zahlreiche Interviews. Die entstandenen Arbeiten konterkarieren die seit Jahrzehnten als wirt­schaft­liche Erfolgsgeschichte erzählten Handelsbeziehungen zwischen Lustenauer Stickerei-ProduzentInnen mit Nigerianischen AbnehmerInnen. 

Ausstellungsansicht im DOCK 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein

Aus der Lustenauer Erzähl-Perspektive ist mit dem titelgebenden „far away land“ der „ferne“ afrikanische Absatzmarkt gemeint. Tatsächlich zitieren Rozhkova und Zühlke aber aus dem Song „Why Black Man Dey Suffer“ des nigerianischen Afro-Beat-Musikers Fela Kuti, der mit den Textzeilen „Some people come from far away land / Dem fight us and take our land“ in den 1970er Jahren die durch die Kolonialisierung deformierten Gesellschafts­systeme in Afrika kritisierte. Die Umkehrung des Blicks und Thematisierung der eigenen Perspektive wird zum zentralen Thema.

Die Zwei-Kanal-Video-Installation mit dem Titel „Die Umstände waren halt einfach katastrophal aber das Ergebnis blendend …“ (2020) ist eine Kooperation der beiden Stipendiatinnen und basiert auf den verschie­denen Materialfunden aus den Lustenauer Archiven. Sie reflektiert die Erzählung der Erfolgsgeschichte des „African Lace“, wie die in Lustenau für den nigerianischen Markt hergestellte Stickerei genannt wird, im Hinblick auf den gesellschaftspolitischen Diskurs, den der bestickte Stoff sowohl in Lustenau als auch in der Gesellschaft der damals noch jungen Nation Nigerias bestimmt hat. Die Folgen des Erdölbooms in dieser Zeit generierten eine völlig neue, finanzstarke Gesellschaftsschicht in Nigeria, die den KundInnenstamm der österreichischen Spitzen bildete: Die Öl-Klasse. 

Kooperationsprojekt der beiden Stipendiatinnen: Die Zwei-Kanal-Video-Installation „Die Umstände waren halt einfach katastrophal aber das Ergebnis blendend …“

In Österreich mitunter mit Trachten gleichgesetzt, stellte ihre Mode ein medial viel diskutiertes Politikum dar. Bis in die neunziger Jahre hinein reichte die Hoffnung der Lustenauer ProduzentInnen, ihre Absatzmärkte halten zu können, während der globale Textilmarkt sich neu ausrichtete.

Die Plastik „the head“ (2020) von Margarita Rozhkova reflektiert über die Vorstellung von „African Lace“ als ethnologisch irreführende Bezeichnung. Der Kopf bezieht sich auf einen der Bronzeköpfe von Ife (dem kulturellen und kommerziellen Zentrum der Yoruba), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Nigeria ausgegraben wurde und sich bis heute im British Museum in London befindet. Er ist zu einem Symbol für Schönheit und Stolz geworden, steht aber auch für die Kontroverse um das Verschweigen und Leugnen seiner Herkunft und seiner SchöpferInnen. 

„the head“ (2020) von Margarita Rozhkova

Der Kopf (ori) hat in der Kultur der Yoruba generell eine heilige Bedeutung. Rozhkova stickt die Vernarbungen des Kopfes von Hand, die sogenannte Radhaube ist einem Trachtenkopfstück aus der Region Vorarlberg nachempfunden. Ursprünglich handbestickt und in der Lamee-Technik (Lamee Spitze) hergestellt, wurde sie in diesem Fall in einer örtlichen Stickerei maschinell bestickt. 

Margarita Rozhkova, geb. 1990, lebt und arbeitet in Berlin.
Anne Zühlke, geb. 1991, lebt und arbeitet in Wien.

Facts:
Margarita Rozhkova und Anne Zühlke: far away land
DOCK 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein
Pontenstraße 20, 6890 Lustenau
Laufzeit: 5. September bis 1. November. Öffnungszeiten DOCK 20 während der Ausstellung: Freitag, Samstag, Sonn- und Feiertag von 15 – 19.00 Uhr

Text via DOCK 20. Fotos: Miro Kuzmanovic. Der Beitrag „the head“ entstand mit freundlicher Unterstützung von Selma Grabher (Hoferhecht Stickereien), Walter Loacker (Puncherei) und Harald Hämmerle (Stickerei Hämmerle).

Ausstellungsansicht im DOCK 20 – Kunstraum und Sammlung Hollenstein